Rezension: Guido Ettlichs Biografie über Konsul Albert Schwarz

Das Buch beginnt mit: „Ein schier endloser Zug begleitet Karl Ludwig Albert Schwarz am Freitagvormittag des 16. Januar 1931 auf seinem Weg zur letzten Ruhestätte.“  So könnte der Anfang eines Kriminalromans lauten. Doch dieses Buch ist alles andere als das. Ettlich hat auf 428 Seiten eine Dokumentation erstellt, die seines gleichen sucht. Sie basiert auf einer fundierten Recherche in allen denkbaren Quellen, die im weitesten Sinn mit diesem Menschen zu tun haben. Entsprechend den mit dem Titel geweckten Erwartungen erhält der Leser selbstverständlich eine umfangreiche Biographie von Albert Schwarz (1871-1931).

 

Ettlich beschreibt alle Facetten von dem mehr als ausgefüllten Leben. Er beginnt mit dessen Kindheit, seiner Ausbildung und der militärischen Laufbahn. Hieran schließt sich das berufliche und private Leben von Albert Schwarz als Erwachsener. Ettlich schildert das Engagement von Schwarz in einer Vollständigkeit und Ausführlichkeit, die bewundernswert ist. In diesen Part fallen nicht nur dessen Rolle in der Gesellschaft – Albert Schwarz erhielt den Titel eines Konsuls, wurde als Kommerzienrat in dem damaligen Königreich Württemberg mit zahlreichen Orden geehrt, war Hauptanteilseigner seiner Bank, Stand zahlreichen Vereinigungen, Firmen und Gruppen vor oder wirkte aktiv dort mit. Darüber hinaus gründete er das Elektrizitätswerk Pleidelsheim/Neckar, dass heute noch Ökostrom liefert, war quasi Gründer und Mäzen des Kurbades von Bad Mergentheim, hatte Beteiligungen an einer Schifffahrtsgesellschaft auf dem Viktoriasee in Afrika, um nur die aller wichtigsten hier aufzuführen.

 

Dabei geht Ettlich auch auf einen ganz speziellen Bereich von Schwarz ein – sein Wirken und seine Rolle in Bezug auf die Bahá'í-Religion in Deutschland. Wie in allen anderen Teilen des Buches auch, erläutert Ettlich hierzu die Vorgeschichte, beginnend mit relevanten Schilderungen vor dem ersten Bahá'í in Deutschland und somit auch vor Schwarz’s eigenem Zutun. Albert Schwarz hörte wahrscheinlich erstmals von seiner Frau Alice von dieser Religion. Sobald er sich selbst zur Bahá'í-Religion bekannte, wies die junge deutsche Bahá'í-Gemeinde ihm eine führende Rolle zu, die er annahm und bis zu seinem Lebensende vollständig ausfüllte.

 

Ettlich beschreibt Schwarz‘s Erfolg in dem Aufbau der deutschen Bahá'í-Verwaltungsordnungen; er geht ausführlich auf Schwarz’s Einsatz im Vorfeld und während eines Höhepunkts der deutschen Bahá'í-Gemeinde ein: den beiden Aufenthalten von ‘Abdu’l-Bahá – Sohn von Bahá’u’lláh, Gründer der Bahá'í-Religion – in Stuttgart im Jahr 1913. Im März 1921, nach dem Tod von ‘Abdu’l-Bahá bat Shoghi Effendi, dem sogenannten Hüter der Bahá'í-Religion, Albert Schwarz und dessen Frau Alice nach Haifa, ins heutige Israel, zu kommen um in einem internationalen Kreis von weiteren, ausgewählten Anhängern dieser Religion, die zukünftige Vorgehensweise und den Aufbau der Verwaltung zu besprechen. Es ist Albert Schwarz zu verdanken, dass das bestimmte Kernthema – Wahl eines Nationalen Geistigen Rates – in Deutschland noch im selben Jahr erfolgte und damit diese Institution zum ersten Mal weltweit ins Leben gerufen wurde.

 

Albert Schwarz war Zeit seines Lebens eine Brücke zwischen den jeweiligen Hauptpersonen ‘Abdu’l-Bahá und Shoghi Effendi einerseits und der deutschen Bahá'í-Gemeinde andererseits. Allein schon diese umfangreichen, detaillierten und ausführlich dargelegten Informationen würden das Buch lesenswert machen. Doch Ettlich geht wesentlich weiter: Er stellt jedes Ereignis und jeden Punkt den Albert Schwarz betrifft bzw. dem er ausgesetzt war in den historischen Kontext und das entsprechende damalige Umfeld des Geschehens. Je nach dem Geschmack kann der Leser mit den nahezu 900 erläuternden Fußnoten schon während des ersten Lesens eine weitere Ebene des Wissens erschließen oder in einem zweiten Durchgang sich den spezifischen Sachverhalt im Detail zuführen.

 

Die Abbildungen und die beigefügten Ablichtungen von Originaldokumenten stellen gerade der heutigen Generation Bahá'í eine Fülle an Material zur Verfügung, die nur in wenigen, anderen Werken in Teilen zu finden ist. Der Leser ist in der Lage, ohne spezifisches Grundwissen der Geschichte, der Politik oder der Wirtschaft, sich umfangreich in die jeweilige Situation hineinzuversetzen und nachzuverfolgen bzw. zu verstehen, was Konsul Albert Schwarz auszeichnete und warum der Satz eingangs, eine treffende Zusammenfassung dieses Lebens wiedergibt.

 

Für 19,90 EUR ist mit dem Zusammenspiel von Inhaltsverzeichnis, Anhang und Personenverzeichnis dieses Buch ein wesentliches Nachschlagewerk für jeden, der sich für die frühe deutsche Bahá'í-Geschichte interessiert. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann den, dass dieses Buch Ettlichs der Auftakt ist, um das Leben weiterer Personen, die in der Bahá'í-Geschichte einen wichtigen Einfluss hatten, in gleicher Weise zu erarbeiten und für die Leserschaft zur Verfügung stellen.

 

Alexander Meinhard