"Menschen mit Behinderung zeigen uns, dass wir anders leben können."

"Besser hätte mir gefallen, wenn der Autor nicht wie Hiob oder Immanuel Kant kausal gefragt hätte, 'warum gibt es Menschen mit Behinderungen?', sondern nach den Zielen: 'Wozu gibt es Menschen mit Behinderungen?', urteilt die Schriftstellerin Vera Seidl über Peter J. Wölls Suche nach dem Sinn der mehrfachen Behinderung seiner Tochter. Seine Antworten aus Wissenschaft und Religion veröffentlichte er in Form von Briefen. Ausführlich rezensiert Seidl sein im Juni erschienenes 330-seitiges Buch. 

Schon als ich den Titel und Untertitel des Buches "Du bist ein verhüllter Engel - Warum gibt es Menschen mit Behinderungen?" las, wusste ich, aus wessen Feder oder besser Pinsel die Regenbogenfarben auf dem Cover stammten. Auf der Rückseite des Buches fand ich dann folgenden abschließenden Satz: "Menschen mit Behinderung zeigen uns, dass wir anders leben können."

Damit hatte mich Peter J. Wöll bereits gefesselt. Ich habe 31 Jahre lang als evangelische Religionslehrerin gearbeitet, mehr als die Hälfte davon mit beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen. Besonders in einer Schule für geistige Entwicklung hatte ich immer mehr das Gefühl, dass nicht ich unterrichtete, sondern die Schülerinnen und Schüler mich.

Ein kleines Mädchen hatte eine geringe Lebenserwartung. Als ich sie zum Thema "Engel" zur sanften Harfenmusik auf einen Stuhl steigen ließ, um dort oben mit Hilfe meiner Führung langsam die Arme auf und ab zu bewegen, schaute sie plötzlich zum Himmel nach oben und ihr Gesicht überzog sich mit einem solchen Strahlen, dass mir die Tränen in die Augen schossen, weil ich gerade ein Wunder erlebte.

 

Tränen flossen reichlich, als ich die Briefe Wölls an seine Tochter las, weil sie so viel Vaterliebe enthielten. Briefe, die seine 1993 geborene Tochter nie wird lesen können, weil sie diese Kompetenz aufgrund ihrer geistigen Beeinträchtigung nicht erwerben kann.

 

 

Viele Fragen und Antworten

 

Ich lebe den Minimalismus, weil ich denke, wo Platz ist, kann viel hinfließen. So ist auch mein Verständnis von beeinträchtigten Menschen. Wer das eine nicht lernen kann, hat Raum für andere Fähigkeiten. 

Der Autor wird nicht müde, die Eigenschaften seines verhüllten Engels, den er Laura nennt, aufzuzählen. Echte Freude, wahres Mitgefühl, Höflichkeit, Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Dankbarkeit, Glück ... Ich meine, Vollkommenheit fehlt noch, so wie jeder Mensch vollkommen geboren wird.

Neben viel Vaterliebe hat Wöll ins Buch viele Fragen und Antworten einfließen lassen, wobei er an diesen Stellen äußerst wissenschaftlich vorgegangen ist. Es gibt sowohl Fuß- als auch Endnoten, zusätzlich ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Als promovierter Jurist führt er auch gerichtliche Entscheidungen oder Gesetze an, die beeinträchtige Menschen betroffen haben und betreffen.

Immer wieder bedauert der alleinerziehende Vater, dass seine Tochter keine Freundinnen hat, schreibt in diesem Zusammenhang auch über Inklusion. Auch meine Erfahrungen mit Inklusion sind schlecht. Denn im Religionsunterricht war ich immer allein mit der Klasse und konnte weder den beeinträchtigten Kindern noch denen ohne Beeinträchtigung gerecht werden. Wenn man bedenkt, dass ich selbst zu 50 Prozent als schwerbehindert gelte, was man mir nicht ansieht, ist mir die Erinnerung an die permanente Überforderung ein Grauen. 

 

Wissenschaftsglaube und der Marktwirtschaft

 

Die Seiten über die Armseligkeit des Bewusstseinszustandes in Europa wollte ich nicht lesen, weil sich mein Sein schon lange nicht mehr auf meinen Körper oder gar auf die Biochemie in meinem Kopf beschränkt. Für mich ist mein Gehirn lediglich ein sehr nützliches Instrument, um das in Sprache zu übersetzen, was ich durch die Gefühle aufnehme. 

Trotzdem fand ich es spannend, wie Wöll die starre Wissenschaftsgläubigkeit der Gegenwart herleitet, indem er auf den Dogmatismus der Kirche in der Vergangenheit verweist. 

Der Autor versäumt es auch nicht, auf den Zusammenhang zwischen dem gegenwärtigen Wissenschaftsglauben und der Marktwirtschaft hinzudeuten. An einer anderen Stelle schreibt er: "Der Mensch muss vor allem profitabel sein, er muss einen Geldwert erwirtschaften, der ihn rechtfertigt." Schon Erich Fromm hatte in seinem Buch "Die Kunst des Liebens" betont, dass sich das Prinzip des Kapitalismus mit dem der Liebe nicht vereinbaren lasse.

"Die Oma stirbt", sagt die achtjährige Laura zu ihrem Vater im Auto nach einem Besuch der todkranken Großmutter, obwohl sie noch nie etwas vom Tod gehört hatte. Mehrmals erwähnt der Autor, dass seine Tochter kein Zeitgefühl habe. Natürlich hat sie das nicht. Denn in der Ewigkeit gibt es weder Zeit noch Raum, auch keinen Tod, sondern nur eine Transformation, die so bedeutungslos ist, dass Laura auch 19 Jahre später fast täglich von der Großmutter spricht; wie ich später erfahren habe, die verstorbenen Großeltern auch mit ihr.

Ich kann mich gut an einen verstorbenen, jugendlichen Schüler erinnern, der zu seinen Lebzeiten musiziert hatte. Seine Nachricht aus dem Himmel an mich lautete: "Hallo Frau Seidl, ich spiele hier jetzt Zigeunermusik." Dabei grinste er mich an und hielt seine Geige und den Bogen hoch. Ich habe ihn nicht wirklich gesehen, sondern das Bild von ihm und seine Stimme nur mit Gewissheit gefühlt. 

 

Gemeinsamkeit der Religionen

 

Peter "Singer schlägt vor, dass Eltern und Ärzte bis 28 Tagen nach der Geburt entscheiden dürfen, ob sie ein behindertes Kind als zumutbar empfinden. Wenn nicht, dürfe es getötet werden." Der Philosoph und Ethiker lebt nur, weil seine jüdischen Eltern 1938 rechtzeitig nach Australien ausgewandert sind, während drei seiner Großeltern getötet wurden. Damit ist wohl ausreichend geklärt, weshalb sich Singer für eine Euthanasie  (statt einem Holocaust) ausspricht. Ich empfehle ihm eine Psychoanalyse vor der Publikation seiner Ethik.

Im Hauptteil des Werkes fragt der Autor nach der Gemeinsamkeit der Religionen, die ich hier mit dem Wort Heilserwartung zusammenfassen möchte. Zusätzlich nennt er die Symbolik, führt die Symbole Wasser, Milch, Honig und Wein an. Hier musste ich lächeln, habe ich doch ein Buch mit dem Titel "Gott is(s)t Honig" geschrieben.

Schon der Religionsphilosoph Paul Tillich wusste, dass jeder Mensch die Möglichkeit des Unbedingten in sich trägt. Auch der Schriftsteller Peter Rosegger sah das so. Im Jahr 1909 schrieb er: "Wenn schon nicht immer der historische Jesus zum Heiland wird, so wird doch der geglaubte Heiland zum historischen, indem er durch das Gemüt der Menschen die Weltgeschichte leitet. Der im Buche steht, ist es nicht jedem; der im Herzen lebt, ist es." Bei Laura heißt es, "so ein Quatsch, es gibt doch nur einen Gott", nachdem sie vom Türkengott im Märchen "Der fliegende Koffer" gehört hatte. Wöll trennt den einen Gott wieder vom Klimbim, der ihm hinzugefügt wurde, was er als Brauchtum bezeichnet.

 

Das Leid dient dem Lernen, es in Liebe zu wandeln

 

Der Autor fand viele Antworten auf seine Fragen in der Baháʼí-Religion. Nach dieser kommt er zu dem Schluss: "Ist der Mensch aber geistig beeinträchtigt oder krank, beispielsweise dement, dann ist die Seele stärker verhüllt; Behinderung oder Krankheit können den Schleier undurchlässiger machen." Der Mathematiker John Forbes Nash litt an Schizophrenie. Albert Einstein wurde eine Form des Asperger Syndroms nachgesagt. Nach seiner Relativitätstheorie kommt es auf den Standpunkt des Betrachters an. Als Vater, der sich eine gesunde Tochter gewünscht hatte, sieht er einen Schleier. Den kann ich in den Beschreibungen seiner Tochter nicht erkennen, sondern schaue direkt in ihre kraftvolle Seele.

Wer sagt, "Gott hat Eltern für dieses beeinträchtigte Kind gesucht. Da dachte er an uns", der siedelt Gott ziemlich weit außerhalb von sich an. Bei mir war es so, dass ich mich bei den nächtlichen Besprechungen am runden Tisch im Himmel bereit erklärt hatte, mich von meiner Umwelt so sehr quälen zu lassen, bis daraus eine Schwerbehinderung hervorgeht. Es fanden sich Seelen, die bereit waren, diesen Job zu übernehmen. Obwohl es nicht im Kasten geklingelt hat, ist aus dem Feuer eine Seele herausgesprungen, die zur dankbaren Feindesliebe fähig ist, so wie das Mädchen mit einer Trisomie 21, die einer, sie beschimpfenden, alten Frau die Hand küsst und sie fragt: "Willst du mein Freund sein?" Der Kabbalist Yossef Cohen Touval sagt, unsere Gegner seien unsere Feinde und Trainer zugleich. Die Antwort auf die Theodizee-Frage lautet für mich, das Leid dient dem Lernen, es in Liebe zu wandeln.

 

An Stelle von Regeln: Vorbildlichkeit in jeder Sekunde unseres Lebens

 

Der Jurist plädiert für die Einhaltung von Regeln, die von Eltern, den Religionen und die von demokratischen Regierungen erstellt werden.  Hermann Hesses Siddhartha kommt aber genau in jenem Moment zur Erleuchtung, in welchem er begreift, dass er seinen Sohn loslassen muss, damit der seine eigenen Erfahrungen sammeln kann. 

In einem Informationsblatt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit dem Titel "Zellen außer Kontrolle" habe ich gelesen, dass Wissenschaftler davon ausgehen, dass es bis zu 20.000 Mutationen täglich auf unserer DNA gibt. Auch wenn ein großer Teil davon wieder rückgängig gemacht wird, zeigt das nicht nur, was Evolution ist, sondern erklärt vielleicht auch, warum Laura sprechen und gehen kann, obwohl das bei ihrer Hirnschädigung gar nicht möglich ist. Albert Einstein hat sich geirrt. Gott würfelt ... und zwar gezielt.

Wölls Tochter leidet an einer schweren Epilepsie. Vielleicht habe ich es überlesen, aber ich glaube nicht, dass der Autor erwähnt hat, dass die Fallsucht in der Antike auch als heilige Krankheit bezeichnet wurde.

Vier Kinder zwischen drei und zehn Jahren sprangen von den Felsen in den tosenden Atlantischen Ozean. Als ihre kanarischen Eltern mein Entsetzen bemerkten, sagten sie völlig gelassen: "Wir sind täglich hier. Die haben das gelernt." Welch ein Gottvertrauen, das wir als Nachkriegskinder verlernt haben.

Der Dekalog kann auch anders übersetzt werden: "Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." Und weil ich das getan habe, WIRST du keine anderen Götter neben mir haben wollen ... Und weil ich das getan habe, WIRST du nicht töten ... sondern wirst als mein Ebenbild voll Liebe allein stehen können. Wobei das fünfte Gebot nicht nur auf Menschen zutrifft, auch ungeborene, sondern auf jedes Lebewesen in dieser Welt. Wenn wir töten müssen, um uns zu ernähren oder zu kleiden, dann nur mit der Beschränkung auf ein Minimum und mit der aller größten Achtung sowie Dankbarkeit.

Die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland halte ich dennoch für gut, weil so illegale Abtreibungen oder Gewalt an ungewollten Kindern verhindert werden.

An Stelle von Regeln möchte ich Vorbildlichkeit in jeder Sekunde unseres Lebens setzen.

Dann fliegt die Seele automatisch aus der Voliere, die Wöll als das irdische Gefängnis sieht und die mich sehr an Platons Höhle erinnert hat.

Besser hätte mir gefallen, wenn der Autor nicht wie Hiob oder Immanuel Kant kausal gefragt hätte, "warum gibt es Menschen mit Behinderungen?", sondern nach den Zielen, wie es zum Beispiel Friedrich Nietzsche getan hat, auch wenn er im Nihilismus stecken geblieben ist.

Wozu gibt es Menschen mit Behinderungen?

 

Bereitschaft

 

Den Schmerz bewusst zu wählen

Um sein Herz zu stählen

Zu düngen mit meinem Blut

Die Erde als ewiger Jud

Nicht weniger und nicht mehr

Ist das starke Heer

Das mir zur Seite steht

Auf meinem Weg

 

Diese Rezension soll der Schulleiterin der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde und meiner verstorbenen Mutter gewidmet sein, die heute, am 1. Oktober 2021, 88 Jahre alt geworden wäre.

 

Vera Seidl 


Vera Seidl wurde 1961 im Land Brandenburg geboren, wo sie noch heute lebt. Sie ist Seele, Mensch, Christin, Kinderdiakonin, Religionspädagogin, Autorin und Medium. "Raphaela - Gott heilt" war ihr erster Roman. Ihm folgten Lyrik und Essays mit dem Titel "Gott is(s)t Honig" und zwei Bücher mit Film- und Buchrezensionen, "(Von) Gott erschaffen" und "(Gottes) vollkommene Schöpfungen".